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Weihnachtskrippen

== 2019c_img-2.jpg == Seit den 1980er-Jahren beschäftige ich mich mit Weihnachtskrippen. Fragt man in unserem Kulturkreis nach der Weihnachtsgeschichte, dann kommt den meisten die Geschichte von einer Volkszählung, von der Geburt im Stall, von Hirten und Engeln in den Sinn. Das steht so im Evangelium nach Lukas.
     Die andere Weihnachtsgeschichte steht im Evangelium nach Matthäus. In diesem Evangelium wird nicht über die Geburt berichtet. «Als Jesus […] geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden?» Das ist das Weihnachtsevangelium der Ostkirche, die das Hochfest an Epiphanie (Dreikönigstag) feiert.
     Bei Weihnachtskrippen werden in der Regel beide Geschichten kombiniert. Am Dreikönigstag verschwinden die Hirten aus den Krippen und die drei Könige kommen mit ihrem Gefolge an.

== 2019c_img-3.jpg == Die «Arme-Leute-Krippe», die Pfarrer Sieger KÖDER mit Gemeindemitgliedern 2004 geschaffen hat, stand 2017 in der Sankt-Antonius-Kirche in Vaihingen an der Enz. Die Figuren bestehen aus Draht, Zeitungspapier und Kleister. In dieser Krippe sind die Hauptfiguren deutlich größer als die Nebenfiguren. Das mag Zufall sein, hat aber eine positive Wirkung. Der Blick wird auf die großen Figuren gelenkt, die in der Regel auch höher stehen.

== 2019c_img-4.jpg == An Weihnachten 2018 fasste ich den Entschluss, eine weitere Krippe zu gestalten. Da mir die Erzählung des Evangelisten Matthäus mehr zusagt als das das Gewusel aus Engeln und Hirten, wie es Lukas vor uns ausbreitet, sollen meine Figuren das Evangelium nach Matthäus nacherzählen. Das kommt im Titel «secondo Matteo» zum Ausdruck, den ich für das Ensemble gewählt habe.
     Von der «Arme-Leute-Krippe» übernahm ich die Idee der umgekehrten Perspektive, also die hinten stehenden Hauptfiguren größer zu machen. Ein stehender Mann ist beim Ensemble in der ersten Ebene (vorn) 18 cm, in der zweiten Ebene 27 cm und in der dritten Ebene (hinten) 34 cm hoch. Ein stehender Mann reicht einem Trampeltier etwa bis zur Schulter. Wer erinnert sich bei dieser umgekehrten Perspektive nicht an den Scheinriesen in Michael ENDEs Kinderbuch «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» (1960).

Erste Variante

== 2019c_img-5.jpg == Zehn Figuren, die teilweise miteinander verbunden sind und auf einer gemeinsamen Grundplatte stehen, bilden das Ensemble. Zur Familie gehören Jesus, seine Eltern Maria und Josef sowie die Großeltern Anna und Joachim - die Eltern Marias. Von der Familie existieren zwei Varianten. Das Bild zeigt die erste Variante. Um anzudeuten, dass die drei Magier ein Gefolge hatten, gehören auch ein Trampeltier und ein Diener zum Ensemble.
     Die Figuren wurden zunächst aus Hartplastilin (Monster Clay) modelliert und dann abgeformt. Sie sind aus einem gefüllten Polyurethan (BACUPLAST PU235/PUH435), gegossen. Dem Gießharz wurde in der flüssigen Phase mit dem Pigment resiMETAL Bronze eingefärbt. Die Oberfläche ist mit Owatrolöl behandelt, dem mineralische Pigmente zugemischt wurden.

== 2019c_img-6.jpg == Im Zentrum des Ensembles steht die Familie. In der ersten Fassung führt der Vater Josef - nicht wie üblich die Mutter Maria - seinen einjährigen Sohn Jesus an der Hand. Der Kleine geht mit einem gewagten Schritt auf die Besucher zu. Vielleicht ahnt die Mutter Maria, dass hier etwas Übermut im Spiel ist.

Jesus 14 cm hoch
Maria 32 cm hoch
Josef 33 cm hoch

== 2019c_img-7.jpg == Auch die Großeltern gehören zur Familie. Ich habe allerdings nur die Eltern Marias modelliert, die Mutter Anna mit ihrem Mann Joachim. Der Kopf von Anna ist der modifizierte - älter gemachte - Kopf der Maria. So entsteht selbst bei leblosen Figuren so etwas wie Verwandtschaft.

Anna 32 cm hoch
Joachim 34 cm hoch

Zweite Variante

== 2019c_img-8.jpg == Bei der zweiten Variante steht Jesus auf dem Schoß seiner Mutter. Der Hocker, auf dem Maria sitzt, steht auf einem Podest. Ein zweites Podest, das mit dem ersten Podest verbunden werden kann, ist für die Großeltern Anna und Joachim.

== 2019c_img-9.jpg == Das Foto zeigt links die erste Variante und rechts die zweite Variante der Familie. Die Urmodelle der zweiten Variante entstanden aus den Urmodellen der ersten Variante. Nach dem Abformen können die Urmodelle für andere Projekte verwendet werden. Wenn die Urmodelle aus Plastilin sind, kann das Material erwärmt und umgeformt werden (Recycling).

Josef 33 cm hoch

== 2019c_img-a.jpg == Im Sommer 2019 besuchten wir die Wieskirche bei Steingaden im sogenannten bayerischen "Pfaffenwinkel". Das Altarbild, das der Münchener Hofmaler Balthasar Augustin ALBRECHT um 1750 geschaffen hat, zeigt die Heilige Familie und Marias Eltern Anna und Joachim. Noch in der Wieskirche habe ich beschlossen, die Großeltern Anna und Joachim in das Ensemble aufzunehmen und die zweite Variante der Familie zu modellieren.

Die Magier

== 2019c_img-b.jpg == «Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem» schreibt Matthäus. Hinter der Geschichte von den Sterndeutern, Weisen oder Magiern aus dem Morgenland verbirgt sich harte Realpolitik: Es handelt sich um hochgestellte Personen aus dem Reich der Parther, dem großen Gegenspieler des römischen Imperiums. Diese Magier wollen den neugeborenen König der Juden besuchen. Das ist ein Affront gegen die römischen Besatzer. Die Zahl Drei macht sich an den Geschenken fest, die die hohen Besucher übergeben.

Magierin 30 cm hoch
Magier, stehend 31 cm hoch
Magier, kniend 20 cm hoch

== 2019c_img-c.jpg == Im Ensemble Secondo Matteo gibt es eine Magierin. Heutzutage sollte niemand daran Anstoß nehmen. Den knienden Magier muss man mit einem Augenzwinkern betrachten. Ähnlichkeiten mit einer lebenden Person sind gewollt. Und das Geschenk ähnelt dem Reichsapfel des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

== 2019d_img-a.jpg == Die erste Figur des Ensembles war das Trampeltier, das zu den drei Magiern gehört. Es entstand im ersten Quartal des Jahres 2019. Das Trampeltier - umgangssprachlich Kamel - wurde zunächst als Camelus bactrianus bezeichnet, weil in Baktrien, einem Gebiet nördlich des Hindukusch, die ersten wild lebenden Kamele beobachtet wurden. Heute heißt das wild lebende Trampeltier Camelus ferus. Obwohl das Tier mit einer Höhe von 23 cm zu den kleineren Figuren gehört, ist es mit 1,66 kg recht schwer. Das hochgefüllte Polyurethan-Gießharz lässt den Guss solch massiger Teile zu.
     Beim Kamel sitzt der Diener, nennen wir ihn Carlos. Er vertreibt sich mit Straßenmusik die Zeit und verdient sich so seinen Lebensunterhalt oder sein Taschengeld. Wir wissen nicht, wie die hochgestellten Magier als Dienstherren waren. Was Carlos wohl gerade spielt? Vielleicht «Samba Pa Ti». «In dulci jubilo» wäre zu süß und passt sicher nicht zum Ensemble.

Querverweise

== 2019c_img-e.jpg == Parallel zum Ensemble «Secondo Matteo» entstanden einige Figuren, die auch auf dieser Website beschrieben sind:

↪ Abwandlungen von Maria

↪ Diener-Kässli




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